Flüchtlinge vorgestellt II: Der Weg einer Flüchtlingsfamilie aus Liberia

Zwei Schülerinnen des Schöninger Gymnasiums Anna-Sophianeum haben im Rahmen ihres sozialen Projektes einige Flüchtlinge aus Schöningen besucht. Ihnen war es wichtig, selbst Flüchtlinge und ihre persönliche Geschichte kennenzulernen und davon weiterzuerzählen. Drei Familien waren bereit über ihre Flucht zu sprechen, zwei davon aber nur unter Verwendung anderer Namen. Wir danken den Flüchtlingen, dass sie ein schweres Stück ihres Lebens mit uns teilen.

Der Weg einer jungen Flüchtlingsfamilie aus Liberia

Laurent blickt traurig zu Boden, als er von seiner Geschichte erzählt. Doch der junge Mann versinkt nicht in Selbstmitleid über sein Schicksal, im Gegenteil, er möchte sich mitteilen, ist offen und blickt nach vorne.

Laurent ist an der Elfenbeinküste geboren, und hat dort vier Jahre mit seiner Mutter gelebt, seinen Vater kennt er nicht. Der Vierjährige floh dann mit seiner Mutter nach Liberia. Die Gründe dafür kennt er jedoch ebenfalls nicht. Vermutlich trieben die schlechte Bildungs- und Gesundheitsstandards, Sklaverei sowie wirtschaftliche und politische Instabilität die Familie aus dem Land.

Unter miserablen Umständen wurden Laurent und seine Mutter getrennt voneinander in überfüllten LKW nach Liberia gebracht. Als Laurent in Liberia ankam, war seine Mutter nicht bei ihm. Man versuchte den weinenden Jungen zu beruhigen und versicherte ihm, dass es seiner Mutter gut ginge.

LocationLiberia
Karte von Norwestafrika.

Ein Mann, der ihn, seine Mutter und die anderen Menschen nach Liberia gebracht hatte, nahm Laurent mit auf einen Hof, der sehr abgelegen von Straßen und Städten war. Dort wurde er von einer alten Dame aufgenommen. Auf dem Hof hütete der kleine Junge Schafe, bekam jedoch keinen Lohn, sondern Essen für seine Arbeit. Laurent besuchte nie die Schule, und sah auch nie etwas von der Stadt. Sein Alltag bestand jahrelang einzig aus dem Hüten der Schafe.

Traurig erzählt er, dass er immer versuchte herauszufinden, was mit seiner Mutter geschehen ist, jedoch gab ihm niemand eine Antwort. Erst als er 16 Jahre alt war, erzählte man ihm schließlich nach langem Bitten und Flehen, dass seine Mutter bei der Flucht aus dem LKW stürzte und gestorben sei. Der Schock traf Laurent mit voller Wucht, er hatte immer Hoffnung gehabt, dass seine Mutter noch lebt.

Zwei Jahre später wurde ihm nahegelegt zu heiraten. Der Mann, der sich um ihn gekümmert hatte stellte ihm schließlich eine Frau vor, die auch an der Elfenbeinküste geboren ist, somit konnten die Beiden sich auf Französisch verständigen. Sie bekamen schließlich ein Kind, welches sie ganz allein ohne ärztliche Hilfe auf dem Hof zur Welt brachten. Das Kind besitzt jedoch keine Papiere, da es nicht in einem Krankenhaus geboren wurde. Auch Laurent kennt weder seinen Nachnamen, noch seine Geburtsstadt.

Die Auswirkungen des liberianischen Bürgerkriegs, der seit 2003 als beendet gilt, trafen Laurent und seine Familie besonders hart. Die Perspektivlosigkeit trieb die junge Familie ebenso wie etliche andere Menschen zur Flucht aus dem Land. Eines morgens um vier Uhr ging es schließlich los, mit dem Boot über den nordatlantischen Ozean und das Mittelmeer nach Italien. Das Schiff war sehr überfüllt, circa 130 Menschen waren zusammengepfercht an Bord. „Es gab sehr viele Verletzte“, erinnerte sich Laurent.
Er selbst trug eine Verletzung am Bein davon, seine Frau am Rücken. Als sie Italien schließlich erreichten, wurden sie medizinisch versorgt, vor allem das neugeborene Kind brauchte dringend Hilfe.

Mit dem Zug ging es schließlich weiter nach Deutschland. Seit August dieses Jahres leben die drei nun in Schöningen. Sie sind dankbar für die großartige Hilfe und froh, dass sie gut versorgt sind und eine Unterkunft haben. Jeden Vormittag lernen Laurent und seine Frau Deutsch, was sich als gar nicht so einfach entpuppt, denn sie haben vorher noch nie eine Schule besucht, und müssen auch noch lesen und schreiben lernen.

Für ihre kleine Tochter wünschen sie sich, dass sie zum Kindergarten gehen kann.
Eine Zukunft, die für die junge Familie in ihrem Heimatland undenkbar gewesen wäre.

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