Flüchtlinge vorgestellt

Zwei Schülerinnen des Schöninger Gymnasiums Anna-Sophianeum haben im Rahmen ihres sozialen Projektes einige Flüchtlinge aus Schöningen besucht. Ihnen war es wichtig, selbst Flüchtlinge und ihre persönliche Geschichte kennenzulernen und davon weiterzuerzählen. Drei Familien waren bereit über ihre Flucht zu sprechen, zwei davon aber nur unter Verwendung anderer Namen. Wir danken den Flüchtlingen, dass sie ein schweres Stück ihres Lebens mit uns teilen.

Flucht einer Familie vor den Taliban

Wenn eine Mutter in Afghanistan morgens ihren Mann oder ihre Kinder aus dem Haus gehen sieht, wisse sie nicht, ob sie am Abend wieder nachhause kommen, berichtet der siebzehnjährige Nidal. Selbst wenn man nur einen Tag in Afghanistan ist, sei es nicht sicher, ob man dieser Hölle lebend entfliehen kann.

Nidal wohnte mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in der Nähe der Stadt Kandahar, der zweitgrößten Stadt Afghanistans. Sein Vater und sein älterer Bruder arbeiteten zusammen mit US-Soldaten in dem Flughafen der Stadt. Die finanzielle Lage der Familie sei gut gewesen, berichtet Nidal, Geld sei nicht das Motiv für die Flucht nach Deutschland gewesen.

Ein Brief der islamistischen Taliban veränderte das Leben der schiitischen Familie. Die Taliban, die jegliche Zusammenarbeit mit dem Westen ablehnen, drohten der Familie mit dem Tod, wenn Vater und Sohn weiter der Arbeit am Flughafen nachgehen würden. Nidals Vater setzte sich jedoch über die Drohung hinweg. Er und sein Sohn gingen weiter zur Arbeit um Geld zu verdienen, schließlich musste die Familie ernährt werden.

Eines Tages kam Nidals Bruder nach der Arbeit nicht mehr nach Hause. Zunächst dachte die Familie, er wäre nur mit Freunden unterwegs gewesen und würde später nach Hause kommen. Als er nach einigen Tagen noch immer nicht zurück war, wurde der Familie klar, dass die Taliban ihre Drohungen wahrgemacht haben mussten. Nidals Mutter konnte angesichts der schrecklichen Erinnerungen ihre Tränen nicht zurückhalten. Das Ende des Martyriums war jedoch noch lange nicht erreicht. Eines nachts standen schwerbewaffnete Anhänger der Taliban vor dem Haus der Familie. In letzter Sekunde konnte die Familie durch die Hintertür des Hauses fliehen. Ab diesem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass die Familie nicht in Afghanistan bleiben konnten. „Die Taliban vergessen nicht“, berichtet Nidal traurig.

Afghanistan_in_its_regionIhr Weg führte die Familie in den Iran. Sieben Jahre lang lebte die Familie dort. Sie arbeiteten nachts, ständig in der Angst entdeckt zu werden. „Im Iran ist das nicht so wie in Deutschland, sie hätten uns zurück geschickt“, so Nidal. Die Familie blieb allerdings nicht vor weiteren Tragödien verschont. Nidals Mutter Samira, die stark unter der Ungewissheit über das Schicksal ihres Sohnes litt, erlitt einen Schlaganfall. Ihre rechte Körperhälfte ist seitdem stark beeinträchtigt, sie habe bis heute starke Schmerzen. Die Familie hatte Glück, dass sie einen Arzt kannte, der die Mutter behandelte. Im Krankenhaus hätte man Papiere gefordert, diese mussten die Familie jedoch bei der Flucht zurücklassen, man hätte die Familie zurück nach Afghanistan geschickt, erklärt Nidal.

Die Wendung im Leben der Familie war fünf Jahre nach dem Verschwinden von Nidals Bruder, den die Familie für tot geglaubt hatte. Dieser nahm überraschend Kontakt zu seiner Familie auf. Er befände sich in Italien und es ginge ihm gut. Auf unsere Frage hin wie sein Bruder nach Italien gekommen ist, antwortet Nidal, sein Bruder rede nicht darüber was bei seinem Verschwinden passiert sei. Es liegt nahe, dass er den Taliban wohl irgendwie entkommen konnte, aber die Umstände müssen wohl so schrecklich gewesen, dass er sich nicht einmal mehr seiner eigenen Familie anvertrauen kann. Dies war der Impuls für die Familie ihre Flucht in Richtung Europa fortzusetzen. Zunächst flüchteten nur Nidal mit seiner Mutter, da diese dringend medizinische Versorgung benötigte. Für den Rest der Familie habe das Geld nicht gereicht.

Nachdem sie die beschwerliche Flucht mit dem Boot nach Griechenland überstanden hatten, ging es weiter über Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Als sie nach sieben Monaten im Februar Deutschland erreichten bekam Nidals erschöpfte Mutter schnell medizinische Versorgung.

Auf unsere Frage hin, wie sich Nidal in Deutschland fühle antwortet er lächelnd: „Das Leben in Deutschland ist sehr gut, hier gibt es keinen Krieg, hier ist man sicher“. Nidals restliche Familie, die es später ebenfalls nach Griechenland geschafft hatte würde bald im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland kommen. Die Familie war dann fast ein Jahr getrennt voneinander. Von der Zukunft Afghanistan hat Nidal keine Vorstellung, doch eins wisse er: „die Taliban sind an allem schuld, in Afghanistan ist immer Krieg, das muss aufhören“.

Seine eigene Zukunft hingegen sieht Nidal klar vor sich, er bekommt regelmäßig Deutschunterricht und besucht derzeit eine Berufsschule. Später möchte er sein Abitur machen. „Ich möchte vielleicht mal Anwalt werden, ich kann dann Leuten wie mir helfen“, sagt Nidal. Und auch Nidals Mutter betont, sie sei glücklich, dass man sie hier beispielsweise bei den Arztbesuchen unterstütze und dass ihre Tochter hier nicht die Unterdrückung vieler Mädchen in Afghanistan erfahren muss, sondern zur Schule gehen kann.

Auf die Frage was Nidal persönlich von den Auseinandersetzungen zwischen den Religionen hält, antwortet Nidal schlicht: „Ich habe ein Gehirn, ich weiß, dass das keinen Unterschied macht, die Terroristen haben kein Gehirn“.

Der Weg einer jungen Flüchtlingsfamilie aus Liberia

Laurent blickt traurig zu Boden, als er von seiner Geschichte erzählt. Doch der junge Mann versinkt nicht in Selbstmitleid über sein Schicksal, im Gegenteil, er möchte sich mitteilen, ist offen und blickt nach vorne.

Laurent ist an der Elfenbeinküste geboren, und hat dort vier Jahre mit seiner Mutter gelebt, seinen Vater kennt er nicht. Der Vierjährige floh dann mit seiner Mutter nach Liberia. Die Gründe dafür kennt er jedoch ebenfalls nicht. Vermutlich trieben die schlechte Bildungs- und Gesundheitsstandards, Sklaverei sowie wirtschaftliche und politische Instabilität die Familie aus dem Land.

Unter miserablen Umständen wurden Laurent und seine Mutter getrennt voneinander in überfüllten LKW nach Liberia gebracht. Als Laurent in Liberia ankam, war seine Mutter nicht bei ihm. Man versuchte den weinenden Jungen zu beruhigen und versicherte ihm, dass es seiner Mutter gut ginge.

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Karte von Norwestafrika.

Ein Mann, der ihn, seine Mutter und die anderen Menschen nach Liberia gebracht hatte, nahm Laurent mit auf einen Hof, der sehr abgelegen von Straßen und Städten war. Dort wurde er von einer alten Dame aufgenommen. Auf dem Hof hütete der kleine Junge Schafe, bekam jedoch keinen Lohn, sondern Essen für seine Arbeit. Laurent besuchte nie die Schule, und sah auch nie etwas von der Stadt. Sein Alltag bestand jahrelang einzig aus dem Hüten der Schafe.

Traurig erzählt er, dass er immer versuchte herauszufinden, was mit seiner Mutter geschehen ist, jedoch gab ihm niemand eine Antwort. Erst als er 16 Jahre alt war, erzählte man ihm schließlich nach langem Bitten und Flehen, dass seine Mutter bei der Flucht aus dem LKW stürzte und gestorben sei. Der Schock traf Laurent mit voller Wucht, er hatte immer Hoffnung gehabt, dass seine Mutter noch lebt.

Zwei Jahre später wurde ihm nahegelegt zu heiraten. Der Mann, der sich um ihn gekümmert hatte stellte ihm schließlich eine Frau vor, die auch an der Elfenbeinküste geboren ist, somit konnten die Beiden sich auf Französisch verständigen. Sie bekamen schließlich ein Kind, welches sie ganz allein ohne ärztliche Hilfe auf dem Hof zur Welt brachten. Das Kind besitzt jedoch keine Papiere, da es nicht in einem Krankenhaus geboren wurde. Auch Laurent kennt weder seinen Nachnamen, noch seine Geburtsstadt.

Die Auswirkungen des liberianischen Bürgerkriegs, der seit 2003 als beendet gilt, trafen Laurent und seine Familie besonders hart. Die Perspektivlosigkeit trieb die junge Familie ebenso wie etliche andere Menschen zur Flucht aus dem Land. Eines morgens um vier Uhr ging es schließlich los, mit dem Boot über den nordatlantischen Ozean und das Mittelmeer nach Italien. Das Schiff war sehr überfüllt, circa 130 Menschen waren zusammengepfercht an Bord. „Es gab sehr viele Verletzte“, erinnerte sich Laurent.
Er selbst trug eine Verletzung am Bein davon, seine Frau am Rücken. Als sie Italien schließlich erreichten, wurden sie medizinisch versorgt, vor allem das neugeborene Kind brauchte dringend Hilfe.

Mit dem Zug ging es schließlich weiter nach Deutschland. Seit August dieses Jahres leben die drei nun in Schöningen. Sie sind dankbar für die großartige Hilfe und froh, dass sie gut versorgt sind und eine Unterkunft haben. Jeden Vormittag lernen Laurent und seine Frau Deutsch, was sich als gar nicht so einfach entpuppt, denn sie haben vorher noch nie eine Schule besucht, und müssen auch noch lesen und schreiben lernen.

Für ihre kleine Tochter wünschen sie sich, dass sie zum Kindergarten gehen kann.
Eine Zukunft, die für die junge Familie in ihrem Heimatland undenkbar gewesen wäre.

Flucht einer jungen Frau aus Eritrea

Beti wurde in dem nordöstlichen Staat Eritrea geboren. Als Halbwaise wuchs sie mit ihrem Vater und ihren Geschwistern in einem kleinen Dorf auf. Ein schreckliches Ereignis, von dem die junge Frau nicht weiter berichten kann und will hat ihr Leben schlagartig verändert. Plötzlich war Beti allein. Wo sich ihr Vater und ihr Bruder aufhalten weiß Beti bis heute nicht.

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Karte von Nordafrika

Die junge Frau trat allein die Flucht aus der eritreischen Diktatur an. Zunächst ging es für sie zu Fuß in den Sudan. Später stellte sich auch heraus, dass sich ihre Schwester auch in dem Land befand. Allerdings war Beti im Süden und ihre Schwester im Norden des Landes. Im Sudan lebte Beti ständig in Angst vor der Polizei.

Betis Weg nach Deutschland führte sie weiter durch die Sahara. Dort habe es viele Verletzte und Tote gegeben, berichtet sie bedrückt. Solche tragischen Situationen blieben Beti nicht erspart. Von Lybien aus flüchtete sie auf einem überfüllten Boot übers Mittelmeer nach Italien. Vor zwei Jahren kam Beti nach Detmold. Dort lebte lebte sie für ein Jahr und brachte auch ihre kleine Tochter zur Welt.

Zusammen mit ihrem Mann lebt Beti nun seit einem Jahr glücklich in Schöningen. Hier gehen Beti und ihr Mann abwechselnd vormittags und nachmittags zum Deutschkurs, damit einer der beiden auf die kleine Tochter aufpassen kann.

Wenn Beti über Deutschland redet kann sie nur positives berichten. Auch wenn die deutsche Sprache sehr schwer zu erlernen sei, sie sie froh hier nun in Sicherheit leben zu können.